Eindrücke vom DRV-Mitgliederdialog zum PotAS-Zwischenbericht am 11.1.2020

Im November 2019 hat die PotAS-Kommission ihren Zwischenbericht zur Evaluierung der Sportfachverbände vorgelegt. Für den Deutschen Ruderverband wirft das Resultat Fragen auf und ist eine „Herausforderung, die weiterer Analysen … zu den einzelnen Bewertungen bedarf “ und darüber hinaus möglicherweise strukturelle Anpassungen erfordert. Das schrieb der Verband u.a. in seiner Einladung an die Vereine und die Landesverbände zu einem Mitgliederdialog im Januar 2020 in Hannover.

Es ist zu mutmaßen, dass diese Veranstaltung angesetzt wurde, weil der DRV bei der vorläufigen Auswertung der Ergebnisse der PotAS-Erhebung außergewöhnlich schlecht abgeschnitten hatte und damit einige Rudersportinteressierte aufgeschreckt wurden, denen gegenüber man sich erklären wollte.

Die Präsentation des DRV durch Vorstand Dr. Danzglock und Sportdirektor Woldt stellte vor ca. 25 Teilnehmern Ergebnisse der PotAS-Bewertung vor. Die Diskussion mit den Teilnehmern erfolgte überwiegend vortragsbegleitend. Es wurden attributsspezifisch die Eingaben in das Erfassungssystem und die Antworten/Kommentierungen der Beurteiler gezeigt bzw. vorgetragen. Die Diskussion um die Vortragsinhalte wurde von Anfang an relativ entspannt geführt, weil die Vortragenden selbstkritisch keinen Zweifel daran aufkommen ließen, dass ihnen selbst klar ist, dass sie die Sache nicht ausreichend ernst genommen haben und deshalb nicht den Ansprüchen gerecht werden konnten.

Die Frage, ob wir als DRV-Leistungssport so schlecht sind, wie es das Abschneiden des DRVs bei der PotAS-Auswertung zum Ausdruck bringt, ob der DRV bei der Beantwortung des Fragenkatalogs schlicht Fehler gemacht hat oder ob der DRV bewußt anders aufgestellt sein will, als es die Sportförderer gerne sehen wollen, müssen wir im Ergebnis des Mitgliederdialogs differenzierter beantworten:

  1. Wir sind so schlecht – Beispiel Nachwuchskonzept:

Beim Hauptattribut HA 5, der Nachwuchsförderung, mit Gewicht 3 (von 3, also als sehr bedeutend eingestuft) wird schonungslos deutlich, welche Defizite wir haben. Es gibt nur landesspezifische Konzepte und keinen einheitlichen bundesweiten Rahmen. Auch bei den Talentkriterien findet man sich eher im Länderspezifischen wieder. Entwicklungsberichte liegen gar nicht erst vor, was dem Eindruck mangelnder Systematik und Konzeption auch nicht entgegenwirkt. So zieht sich das in diesem wichtigen Förderungsfeld hin! Ergebnis: sehr schlechte Bewertung!

  1. Fehler gemacht – 3 Beispiele:

Im HA 7, ebenfalls mit Gewicht 3, wird auf die Richtlinienkompetenz/Zielvereinbarungen eingegangen. Man hat nur die umfangreiche Berliner Zielvereinbarung eingereicht und nicht die aus anderen Ländern, die es nur in rudimentären Fassungen gibt. Die Frage erforderte aber alle Vereinbarungen. Ergebnis: Keine Bewertung.

Im HA 10 (Gesundheitsmanagement) mit Gewicht 2 (also mittelwichtig) war die Frage nach dem medizinischen Kompetenzteam zu beantworten. Dazu war als Nachweis das Protokoll einer Sitzung gefragt. Es hatte aber im DRV niemand Protokoll geführt. Ergebnis: Schlecht

Zum Teil standen einfach falsche Überschriften über den eingereichten Unterlagen, was ebenfalls zur schlechten Bewertung geführt hat.

  1. Wir sind anders, als es die Fragestellung erlaubt und wollen auch so bleiben:

Hier steht insbesondere das Hauptattribut 8 (Führungsstruktur) mit Gewicht 2 im Blickpunkt. Es geht um die Führungsstruktur und dabei um die Frage, ob bzgl. des Leistungssports der hauptamtliche Sportdirektor alleinbestimmend oder der ehrenamtliche Vorstand entscheidungsberechtigt ist! Volle Punktzahl gibt es in PotAS nur, wenn der Hauptamtler alle Entscheidungen selbst treffen kann und der Vorstand sich auf die Funktion eines reinen Aufsichtsgremiums zurückzieht. Insbesondere stört man sich beim BMI an einer möglichen Einflussnahme durch eine vermeintlich ahnungslose Mitgliederversammlung, die zum Beispiel einen ehrenamtlichen Vorstand abwählen kann, nicht jedoch den hauptamtlichen Sportdirektor. Das BMI als Geldgeber im Leistungssport möchte deshalb Einflüsse durch einen ehrenamtlichen Vorstand und durch eine Mitgliederversammlung weitestmöglich ausschließen, ohne zu erklären, wie sich das mit dem Vereinsrecht vereinbaren lässt.

Diese vom staatlichen Geldgeber gewünschte Struktur kann nach Meinung der überwiegenden Mehrheit der Anwesenden so von uns nicht akzeptiert werden. Es muss auf das BMI eingewirkt werden, diese Vorgabe zu relativieren oder wir müssen weiterhin in dieser Frage Punktabzüge erdulden. Eine gute Lösung wäre es, wenn der DOSB eine für ihn akzeptable differenzierte Führung beschreiben würde, über die man dann diskutieren kann. Bisher wirkt das alles schwarz/ weiß!

Bemerkenswert ist, dass für das HA 13 (Wissenschaftsmanagement) fast die volle Punktzahl erreicht wurde, weil ein ehemaliger leitender Bundestrainer vor mehreren Jahren eine umfangreiche Dokumentation erstellt hatte, welche die Juroren für gut befanden. Dagegen fand sich kein Hauptattribut mit der für den DRV so wichtigen Frage danach, ob die Spitzensportler alle auch disziplinspezifisch zentralisiert wurden! Mit der Zentralisierung hat der DRV also etwas verfügt und angeschoben, was – entgegen seiner Behauptung gegenüber uns Mitgliedern – überhaupt nicht gefordert wurde.

Ergebnis und Kommentar

Wie dem auch sei – das Verwaltungsverfahren PotAS – bei dem es um die künftige Förderung einer ganzen Sportart geht! – bedarf natürlich einer konzentrierten, angemessenen Vorbereitung und Bearbeitung, um ordentliche Ergebnisse zu produzieren. Dies hat der DRV nicht geschafft. Die Zeit zur Vorbereitung war da, aber man hat sie nicht genutzt (Argument: „wir befanden uns zur gleichen Zeit im Höhepunkt der Wettkampfsaison“). Nun liegt das Kind im Brunnen, die vorliegenden Ergebnisse können nicht mehr korrigiert werden! Im nächsten Schritt wird man versuchen, im Jahresgespräch mit dem BMI/ DOSB den Eindruck zu relativieren.

Nach den Olympischen Spielen werden dann die Wettbewerbsergebnisse in PotAS ergänzt – und bei der schlechten Ausgangsposition wird das hoffentlich zu Verbesserungen führen. Damit sollte sich die PotAS-Auswertung dann in Bezug auf die künftige Mittelvergabe etwas günstiger darstellen. Wieviel Fördermittel hier sträflich liegen gelassen wurden, wissen wir gar nicht!

In jedem Fall wird man sich für die Zukunft im DRV auf mehr Dokumentationsarbeit einstellen müssen. In der Diskussion in Hannover wurde auch deutlich, dass es nicht allein um die Verbesserung der Dokumentation geht, sondern insbesondere um die Etablierung transparenter, nachvollziehbarer Abläufe und Entscheidungsprozesse. Und dies ist eine PotAS-Forderung, die wir als IGL ebenfalls seit Langem erheben.

Die für die PotAS-Bewertung im DRV Verantwortlichen (Sportdirektor, Geschäftsstelle, Referent Leistungssport inkl. das verantwortliche Bundestrainerteam, letztlich der Vorstand) haben die Aufgabe offensichtlich völlig unterschätzt, vergleichbar mit der Herangehensweise an die medial extrem aufgeladenen Europameisterschaften in Glasgow in 2018. Weder wurde bei den bereits 12 Monate früher PotAS-bewerteten Wintersportarten sich informiert oder um Rat gefragt. Noch hat man die eigenen Kapazitäten für diese Aufgabe angemessen geplant, qualitativ und quantitativ. Und das, obwohl sogar jedem interessierten Zeitungsleser klar war, um was es bei dieser Übung geht – kurz gesagt nämlich: auf der Finanzierungsseite um alles! Dass die Verantwortlichen im DRV sportfachlich nicht auf der Höhe zu sein scheinen oder schlecht beraten werden, ist eine Sache. Dass sie mit der Art ihres Vorgehens aber die Finanzierbarkeit unseres Sports insgesamt riskieren – und das auch über ihre Amtszeit hinaus – ist eine sehr schwerwiegende andere.

Die Bedeutung der Nachwuchsförderung, auf die in PotAS viel Wert gelegt wird, wird schon seit Jahren unterschätzt bzw. nicht konzeptionell und lösungsorientiert angegangen. Der Übergang von U19 nach U 23 ist die strategisch hochbrisante Baustelle, die vielen Vereinen Magenschmerzen bereitet. Allein das vom DRV vorgenommene statistische Erfassen von Regattaergebnissen genügt nicht; es ist kein Ersatz für eine zukunftsorientierte Entwicklungsstrategie, die von einer ganzheitlichen Sicht auf den Sportler mit all seinen Bedürfnissen in allen Phasen seiner Karriere geprägt sein muss. Wir jammern nur, dass zum Beispiel die USA für unsere Sportler nach der U19 bessere Angebote haben, finden aber seit Jahren keine Antwort darauf. Wir stochern und hoffen auf zufällige Erfolge und haben keine Strategie! Unter diesem Licht der Bewertung haben uns die PotAS-Bewerter zumindest auf diesem Feld zurecht nur wenige Punkte gegeben. Wenn wir als DRV nichts konzeptionell Überzeugendes anbieten, werden auch keine Mittel zur Verfügung gestellt.

Stattdessen hat unsere Führung ihre Energie in einem Nebenthema vergeudet, darin Kollateralschäden billigend in Kauf genommen und zu einer tiefen Spaltung im Verband beigetragen: vor fast 2 Jahren schon hat unser Sportdirektor verkündet, wenn wir nicht der BMI/DOSB-Reform folgend zentralisieren, gebe es kein Geld. Die ganze DRV-Führung hat sich dafür ins Zeug gelegt und diesen angeblichen „Gold-Standard“ zum allein Seligmachenden erklärt. Nicht so die hoheitlichen Finanziers: laut BMI, ist diese Forderung nicht relevant. In der PotAS-Bewertung taucht das Thema überhaupt nicht auf.

Unser Fazit: wenn der Sportdirektor und die sportliche Leitung nicht die elementaren Aufgaben endlich seriös und professionell angehen, wird es mit zukünftigen Erfolgen und mit der Finanzierung im nächsten Olympiazyklus eng. In anderen Organisationen, die sich spätestens nach einer Bewertung wie PotAS einer kritischen Öffentlichkeit stellen müssen, käme die Frage auf: sind wir so schlecht oder stellen die Verantwortlichen uns nur so schlecht dar? Beides würde nicht dafür sorgen, dass den Verantwortlichen eine Zukunft in ihren Rollen zugetraut werden könnte.

 

IGL, Februar 2020